Heimatfront

Berichterstattungen aus dem 1. Weltkrieg beschäftigen sich meistens mit den Geschichten von Soldaten, die Ihre traurige Pflicht in den Schützengräben fern der Heimat erfüllen mussten. Aber was hatten die Angehörigen der Soldaten an der sogenannten Heimatfront durchzumachen? Auch dort war das Leben nicht einfach. Wir werfen einen Blick auf Ereignisse in Strinz-Margarethä und verfolgen die Auswirkungen des Krieges in dem Ort. Die Ereignisse während vier Jahren Krieg sind dort sehr gut dokumentiert, in der Kirchenchronik, einer geheimen Mobilmachungsmappe und in authentischen Feldpostbriefen.

Vorahnung

Am 14. Juni 1914 feiern die ca. 350 Einwohner des kleinen Taunusdörfchen Strinz-Margarethä ausgelassen das 10. Stiftungsfest des Turnvereins. Die Lage zwischen Deutschland und seiner Nachbarstaaten ist angespannt. In der Festrede werden deshalb die aktuellen Völkerverhältnisse zum Anlass genommen, um auf die deshalb erforderliche Ertüchtigung der jungen Leute zu verweisen, fast so, als würde man mit einem baldigen Krieg rechnen. Wie schnell die Vorhersehungen des  Redners eintreffen werden, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

 

Nur zwei Wochen später wird der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie Chotek, bei einem Staatsbesuch in Sarajevo ermordet. Dieser Mord führt zur Kriegserklärung Österreichs-Ungarns an Serbien und somit zum Beginn des 1. Weltkrieges. Als Verbündeter der Österreicher greift Deutschland am 1. August in den Krieg ein. Das beschauliche Leben der Strinzer Bürger wird sich von nun an rapide verändern.

Kriegshysterie

Mit Kriegsbeginn wird der Ort mit Anweisungen vom königlichen Landrat in Langeschwalbach überhäuft, welche eine Kriegshysterie im Ort auslösen. Jeder Militärpflichtige wird aufgefordert, sich bei der Ortspolizei zur Stammrolle anzumelden. Eventuell in der Gemarkung landende Luftfahrzeuge sind wegen Spionageverdacht zu überprüfen und die Dorfbrunnen müssen wegen Vergiftungsgefahr bewacht werden. Eine Anweisung, unbekannte Fahrzeuge zu kontrollieren führt dazu, das sich schon vier Tage nach Kriegsausbruch die Leute aus StM und den umliegenden Ortschaften auf die Suche nach einem Fahrzeug machen, das nachts durch Strinz gefahren sein soll – wie sich später herausstellte, das Fahrzeug des Kreistierarztes.

Doch damit nicht genug. Bereits kurz nach Kriegsbeginn muss die Bevölkerung ihre Pferde und Kutschen zur Musterung nach Langenschwalbach bringen. Pferde und Kutschen die eigentlich dringend in der Landwirtschaft gebraucht werden. Viele Pferde werden zum Militärdienst eingezogen, die Landleute dafür immerhin entlohnt.

Die ersten Männer werden eingezogen

Die ersten militärpflichtigen Männer verlassen den Ort, um an die Front nach Frankreich verladen zu werden.

Ein Maurer, der mit den Bau einer Scheune in der heutigen Schulstraße begonnen hatte, musste sein Arbeit, nachdem er bereits die Grundmauern erstellt und mit dem Datum 1914 und den Initialen des Hauseigentümers versehen hatte, unterbrechen, da auch er eingezogen wurde. Er selbst wird den Bau nicht mehr zu Ende bringen.

Insgesamt werden es 78 Strinzer Männer sein, die im Krieg eingesetzt werden. Einige werden nicht mehr zurückkehren.

Von nun an beginnt für die Angehörigen das bange Warten auf Überlebensnachrichten per Feldpost. Der Postbote wird in den nächsten Jahren viel zu tun bekommen.

1. Kriegsweihnachten

Das Vereinsleben, welches noch wenige Wochen zuvor beim Jubiläumsfest des TV 1904 so ausgelassen gefeiert wurde wird eingestellt, da viele Vereinsmitglieder an die Front berufen werden.

Schon am 09. August beruhigt sich die Lage im Ort etwas, die Menschen gehen wieder ihrem Tagesgeschäft nach. Gegen Ende August werden dann aber die Benzin- und Benzolmengen für die Privathaushalte gesperrt und Hafervorräte dürfen nicht mehr frei verkauft werden.

Mit dem Einfall Russlands in Ostreußen werden Sammlungen im Ort organisiert.  So  gehen im Oktober 1914 zwei schwere Wagen voll Kartoffeln, Gemüse, Butter, Eier und zwei Kisten Wäsche und Kleidungsstücke an das Rote Kreuz in Langenschwalbach, für Soldaten und die Bevölkerung in Ostpreußen. Noch sind hierfür ausreichend Vorräte vorhanden.   

Weihnachten 1914 wird für viele Bewohner doppelt schön, denn viele Soldaten kommen auf Heimaturlaub nach Hause.

Doch schon nach Weihnachten beginnt das verwalten der Mangelwirtschaft. Da die Bauern nicht mehr frei über ihre Erzeugnisse verfügen dürfen, fehlt es plötzlich an allen Ecken und Enden.

1. gefallener Strinzer

Im Februar 1915 werden z.B. sämtliche Getreidevorräte und Mehl beschlagnahmt. Es folgen Schweine und sogar Wallnussbäume (!) werden konfisziert.

In diesem Monat wird den Einwohnern der Schrecken des Krieges besonders vergegenwärtigt, als die Meldung vom ersten gefallenen Strinzer, Adolf Christmann, die Runde macht, der bei der Erstürmung des Mont-Tetu in Frankreich zu Tode kommt.

Siehe auch unter Tod am Mont Tetu

Kriegsgefangene ersetzen die fehlenden Männer

Im März wird die Bevölkerungen von Lehrer Helwig aus Hambach auf einen knapp gedeckten Tisch vorbereitet. Dieser hält zu diesem Zweck in der Gastwirtschaft „Zum goldenen Löwen“ einen Vortrag über die Kriegsernährung.

Mit Beginn der Feldarbeit fehlen die Soldaten in der Landwirtschaft. Sie müssen durch Kriegsgefangene ersetzt werden. Im Mai 1915 kommen die ersten 18 französischen Kriegsgefangene ins Dorf und werden auf die bedürftigen Familien aufgeteilt.

Den Rest des Jahres arrangiert man sich mit den schlechten Verhältnissen. Doch das Dorf muss noch mit 4 weiteren Gefallen auskommen.

Während der Ort bis 1916 bislang nur Lebensmittel und Pferde abzugeben hatte, wird erstmals Anfang 1916 Kupfer und Messing, zur Kanonen- und Munitionsproduktion abgegeben und ab Mai erhält man Nahrungsmittel und Seife nur noch über Bezugskarten.

Zu allem Überfluss grassiert im Frühjahr 1916 noch Typhus im Ort, an dem mehrere Menschen erkranken.

Mehrmals finden im Ort sogenannte Granatennagelungen statt bei denen für kriegsbeschädigte Soldaten gesammelt wird. Dabei können sich die Bewohner für 10 Pfennig einen Nagel kaufen, den sie dann mit einem Hammer in ein aus Holz gefertigtes Modell einer Granate einschlagen dürfen.

Siehe auch unter Granatennagelung

Im Februar 1916 wird der Gefallene Reinard Walter unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Strinzer Friedhof geerdigt. Er wird der einzige Gefallene sein, der den Weg zurück nach Strinz findet. Sein Grab befindet sich heute noch an Ort und Stelle. Seine gefallen Strinzer Kameraden müssen sich dagegen mit einem nassen Grab auf dem sogenannten "Feld der Ehre" begnügen.

1917 - Die Glocken müssen gehen

Trügerische Idylle in 1917
Trügerische Idylle in 1917

Nachdem die letzten verfügbaren Metallvorräte abgegeben sind, werden im Januar 1917 die Zinnprospektpfeifen der Orgel beschlagnahmt.

Auch wenn im Februar noch Schweine zum Schlachten im Ort vorhanden sind ist das Schlachtergebnis doch sehr dürftig. So berichtet der Pfarrer in die Kirchenchronik:

 

„Wir schlachten beide Schweine, von denen das eine bloß 75 Pfd. und das andere nur 96 Pfd. wiegt, da die armen Tiere nicht besser gefüttert werden konnten, weil es an Futter fehlt und Kartoffel nicht gefüttert werden dürfen.“

Im Juni 1917 wird dann noch die große Glocke der Kirche beschlagnahmt. Das Friedenssymbol soll zur Kanone umgeschmolzen werden. Eine Beschwerde der Gemeinde beim Landratsamt in Langenschwalbach bleibt ungehört.

Weihnachten 1917 gehen die Kohlen für die Kirche aus und auch Petroleum ist kaum noch zu bekommen. Die Gemeinde sitzt im Dunkel. Dies hat zur Folge, dass ab Januar 1918 der Gottesdienst in der Schule gehalten wird, die noch beheizt werden kann und immer noch werden Pferde zur Musterung nach Langenschwalbach einberufen.

Letztes Kriegsjahr 1918

Ende Januar 1918 wird der Kaisergeburtstag gefeiert. Man kann sich denken, dass in der kriegsmüden und ausgeplünderten Gemeinde keine große Freude aufkommt.

Noch im März 1918 versucht die Regierung den Bewohnern den letzten Groschen für Kriegsanleihen zu entlocken.

Am 31. Juli 1918 kommt der Krieg auch in unsere Region, als nämlich morgens, ca. 09:30 Uhr feindliche Flieger bei Steckenroth Bomben abwerfen, die aber keinen Schaden anrichten.

Im August taucht plötzlich August Ziß, der sich eigentlich in russischer Kriegsgefangenschaft befinden sollte, im Ort auf. Bei den aufgelösten Verhältnissen in Russland hat er sich einfach auf und davon gemacht und sich auf eigene Faust nach Strinz durchgeschlagen. Soweit ihn seine Füße trugen.

Bis 11. November 1918 müssen die Bewohner noch aushalten. Dann endet der erste Weltkrieg. Doch damit wird das Leben im Ort nicht sicherer. Nur 6 Tage nach Kriegsende wird eine Gemeindesitzung gehalten. Ziel ist die Gründung einer Bürgerwehr zum Schutz vor marodierenden Banden.

Nach dem ersten Weltkrieg gehört Strinz-Margarethä zur französischen Besatzungszone, Brückenkopf Mainz. Von den ca. 350 Einwohner kamen 14 Bürger ums Leben, natürlich alles Männer, die dringend auf dem Feld gebraucht wurden. Statistisch gesehn 4 % der Ortsbewohner.

Neuanfang

Am 25. November 1918 verlassen die kriegsgefangenen Franzosen den Ort, am darauffolgenden Tag ziehen die geschlagenen deutschen Soldaten hindurch. Am 1. Dezember dann kommen die ersten Strinzer Soldaten nach Hause – „still und leise“, wie es der damalige Pfarrer in der Kirchenchronik beschreibt.  Die patriotischen Parolen sind verklungen.

Am 14. Dezember wird StM mit französischen Besatzungstruppen belegt. Es kommen 14 Soldaten in den Ort, die in den Häusern der Bürger untergebracht werden.

 

Dadurch wird das Leben für die Strinzer aber auch nicht leichter, doch das ist eine andere Geschichte.

Lesen Sie weiter in der Geschichte: Unter französischer Besatzung

 

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Die Strinzer Fahne
Die Strinzer Fahne

Sebastian Vettel fährt durch StM (ab 16:05)

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