"Früher kamen immer wieder Bettler und

Obdachlose durch den Ort. Die Gemeinden

waren seinerzeit verpflichtet diesen armen

Menschen ein Obdach zu geben.

Für diesen Zweck gab es Räume, die dafür

vorgesehen waren.

In Strinz-Margarethä stand dafür das Ober-

geschoss des Backhauses zur Verfügung.

Das Backhaus gibt es leider nicht mehr,

aber dafür noch Hinweise in den

Kirchenbüchern, wer damals im Backhaus

aufgenommen wurde.

Lest hier, welche Dramen sich damals dort zum

Teil abgespielt haben."

Das Strinzer Backhaus

Wie in vielen angrenzenden Gemeinden, gab es früher auch in StM ein Backhaus, Backes genannt. Dieses bestand schon 1707, wie Eintragungen aus dem Kirchenbuch belegen. Leider wurde es in den 50ern, nachdem es nicht mehr genutzt wurde, abgerissen. Noch heute nennt man das Grundstück auf dem das Backhaus stand "Backeswiese".

Vom Backes existieren nur noch wenige Aufnahmen.

Das Backhaus war ein einfacher Zweckbau. In der Mitte stand der gemauerte Backofen, rechts davon gab es eine Arbeitsstube mit einer Durchreiche zum Ofen und linker Hand befand sich der Eingang mit Treppe zum Obergeschoß, wo sich eine Notwohnung befand. Das Innere des Backofens war mit Backofenstein ausgebaut.

Zeichnung von Helmut Hartwig
Zeichnung von Helmut Hartwig

Speziell in dörflichen Bereichen waren Backhäuser bis in die 1960er Jahre verbreitet. Regelmäßige Backtage der Gemeindemitglieder sparten den Bäcker, den eigenen Ofen und Energie. Zudem stellte der Backtag ein willkommenes Zusammentreffen zum Austausch von Informationen dar. Es wurden Neuigkeiten beim Warten auf das Brot und den Kuchen ausgetauscht.

Ein weiterer Grund für die Errichtung von Backhäusern bestand darin, die Feuergefahr durch Backen in Einzelhaushalten zu vermindern. Der Ofen wurde mit lokal verfügbarem Heizmaterial, meist Reisig und Holz, beheizt. Vor dem Einbringen der Backware mußte vorgeheizt werden. Die entstandene Glut wurde vor dem Beschicken entfernt.

Die Reihenfolge des Backens wurde beim Bürgermeister ausgelost, so wurde das aufwändige Anheizen dem Zufall überlassen. Die nachfolgenden Benutzer profitierten davon und mussten nur nachheizen. Es kam des Öfteren vor, dass das Los zum Anheizen auf eine Familie fiel, die damit große Probleme hatte. Besonders an Festtagen wurden viele und große Kuchen gebacken.

Das Backhaus als Notunterkunft

Die Gemeinden waren früher gesetzlich verpflichtet, für in Not geratene Bürger und Asylsuchende eine Notwohnung bereit zu stellen. Dazu waren die Räume über dem Backofen, im Dachgeschoss des Backes, bestens geeignet. Besonders im Winter war diese Wohnung schön warm. Auch fiel für die Bewohner das eine oder andere Brot, oder sogar Kuchen, ab.

Die Strinzer Kirchenchronik gibt noch heute Zeugnis über einige vorübergehende Bewohner des Backhaus.

 

                                                                             Bild rechts:

                                                                             Durchziehende Bettler gehörten
                                                                             damals zur Tagesordnung.

Eintrag vom 24. Martii (März) 1703

Einen armen, uff der Bettelfahrt krank hingebrachten und 2 Tag im Backhaus gelegenen Mann, des jetzigen Kuhhirten zu Hambach Vatter, Pantificium (katholisch) christlich begraben aetatis (seines Alters) 70 Jahre.

Gott verleihe ihm die gnädige Auferstehung.

Eintrag von 1707

1707 uff S(ankt) Marie Lichtmeß zu Abends ein fremdes Ehepaar ins Backhaus kommen und das Weib sogleich die erste Nacht ein Töchterlein genesen, sobaldigst zur heiligen Tauff befördert worden, wozu als Gothen (Patentante) gedienet Annamaria Bestin. Der Kindes Vather konnte sehr wenig Teutsch (Deutsch) ließ die Kindesbetterin mir sagen: Sie wolle so bald sie könnte ausgehen zu mir kommen, ihrer beyde Namen und patrium (Vaterland, Heimat) deutlich aussagen - ist aber insalutato hospite (als ungegrüßter Gast) mit Mann und Kindern stillschweigend fortgegangen. Und weil Sie wenig Pathen (Paten) angegeben hatten - erwählte ich selber dem Kind den Namen, mit dem Zusatz eines männlichen Namens, jedoch uffs weibliche getragen. Damit ward das Kind Johanna Maria oder wann man wollte Johanete Maria getaufft. Ist bayder einerlay. GGG (Gott gebe Gnade)

Randbemerkung: Er (bzw.es) ist uns gestorben, offenbar von anderer Hand.

Weiterer Eintrag von 1707

Anno 1707. Einen fremden Mann, Hans Georg Meyer, gebürtig aus Frankfurt, ein blassierter, abgedankter Soldat, so mit seinem Waib Catharina gebürtig zu Bernburg Sachsen Land, sein logiment im hiesigen Backhaus genommen, aber das Waib den 1. Martii (März) nachts zwischen 11 und 12 Uhr eines Söhnlein geneßen, so den 4. Martii (März) Johann Philipp getauft worden. Pathen (Paten) sind Johann Philipp Enders, Jakob Klein. Den 90. Psalm gelesen und darüber einen kurzen Sermon (Predigt) gehalten.

 

Gäste im ersten Weltkrieg

Während des ersten Weltkrieges wurde das Backhaus öfters von Zigeunern aufgesucht.

Gäste 1945

Am Ende des 2. Weltkrieges (Mai 1945) hausten etwa 20 Personen aus Biebrich darin und kochten ab. Es waren Kesselflicker (Spengler). Polizeiliche Anfrage oder Anmeldung hatten sie sich erspart.



Das Bild links zeigt das Backhaus während der Strinzer Kerb im Jahre 1948 ==>

Nebenstehendes Bild zeigt das Backhaus aus einer anderen Perspektive. Der Ausschnitt stammt aus einer Ortsansicht aus den 30er Jahren.

Auf der alten Brücke. Hinten links das Backhaus.
Auf der alten Brücke. Hinten links das Backhaus.

(Kirchenchronik / Strinzer Chronik / Wikipedia / Helmut Hartwig)

 

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Die Strinzer Fahne
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