Prozeß um das Ochsengut



"Hier stehe ich auf dem sogenannten

Ochsen- oder Pfaffengut. Um dieses Gut gab es einst einen jahrelangen Prozess.


Worum es dabei ging? Unten steht es

geschrieben".

 



 

 

 

 

 

 

 

Am 23. März 1844 unterzeichneten vor dem Herzoglich Nassauischen Amt in Wehen zwei Usinger Anwälte ("Hof- und Appelationsgerichtsprokuratoren") namens Cramer und Wilhelmy ein Schriftstück, das unter einen jahreslangen Rechtsstreit den Schlußstrich zog.

Die Ursache dieses Streites bestand in dem frühen Abhängigkeitsverhältnis der Gemeinde StM von dem Kloster Bleidenstadt, das neben anderen Abgaben auch den Blutzehnten, d. h. den zehnten Teil der lebenden Haustiere, einforderte und deshalb um eine gute Nachzucht besorgt war.

Auf einem Grundstück in der Gemarkung StM, dem Ochsengut oder Pfaffengut, ruhte die Verpflichtung, das Faselvieh oder Mannvieh für die Gemeinde zu stellen und zu unterhalten.

Das Ochsengut bestand aus 10 Morgen 35 Ruten Acker und 2 Morgen 29 Ruthen Wiese.

Die Bindung bestand natürlich fort, als 1495 das Kloster in ein adliges Ritterstift umgewandelt wurde, was ein 1789 abgeschlossener Leihvertrag mit Johann Philipp Faust beweist.

Das Ochsen-/Pfaffengut
Das Ochsen-/Pfaffengut

1808 kaufte Joh. Emmerich Enders das Ochsengut von der Herzoglich Nassauischen Hofkammer, der Rechtsnachfolgerin des inzwischen aufgelösten Ritterstiftes.

In dem neuen Vertrag war aber statt der allgemeinen Verpflichtung festgelegt, der Käufer sei "schuldig, für die Gemeinde das Faselvieh, nämlich e i n e n tüchtigen Faselochsen und e i n e n guten Eber auf seine Kosten anzuschaffen".

Zunächst hatte die Änderung nichts zu bedeuten.

Als aber der Schultheiß Joh. Adam Enders als Erbe im Besitz des Ochsengutes war und die Gemeinde im Jahre 1832 128 Kühe und 60 Mutterschafe besaß, war die Anschaffung eines zweiten Bullen und eines zweiten Ebers notwendig geworden.

Da sich der Schultheiß auf den Kaufvertrag berief und die Mehrleistung ablehnte, kam es zum Prozeß.

Zeitgenössische Inschrift
Zeitgenössische Inschrift

Die Beweisaufnahme ergab, dass "seit unvordenklichen Zeiten" das Faselvieh "unbestimmt vom Ochsengutpächter habe gehalten werden müssen".

Der Prozeß ging nur langsam vorwärts, die Gemeinde hoffte umsonst auf einen günstigen Vergleich.

Schulheiß Enders starb 1833, und seine Witwe, die sich mit einem Bauern Conradi verheiratet hatte, wurde 1837 verurteilt, "alles erforderliche Faselvieh, wie Faselochsen, Eber und Widder zu stellen und zu unterhalten und der klagenden Gemeinde alle verursachten Prozeßkosten zu ersetzen". Gegen dieses Urteil des herzoglichen Amtes zu Wehen erhob die Beklagte Appellation und erzielte einen Teilerfolg: sie brauchte den Widder nicht zu stellen, und die Prozeßkosten wurden geteilt.

Seit dem Tode des Schultheißen Enders erhob die Herzogliche Generaldomänendirektion von dem Ochsengut den Zehnten gegen den Willen der Besitzer, bis diese 1842 die Zahlung des Zehnten "förmlich verweigerten". Außerdem verlangte Frau Conradi durch Prozeß vor dem Appellationsgericht in Usingen namens ihrer zwei minderjährigen Kinder von der Herzoglichen Domänendirektion erstens Entschädigung dafür, dass das Gut stärker belastet war, als beim Kauf festgestellt wurde, zweitens Entschädigung wegen des widerrechtlich erhobenen Zehnten.

Ehe es zum Prozeß kam zwischen dem nassauischen Staat und der energischen für ihr Recht kämpfenden Bauersfrau, kam es zu dem oben erwähnten Vergleich. Darin verzichtete die Klägerin auf Ersatzansprüche und die Rückzahlung des geleisteten Zehnten; die Generaldomänendirektion verzichtete auf die Zehntberechtigung und zahlte an die Erben 3000 Gulden. Die Streitaxt war begraben.

Der Prozeß zeitigte eine eigenartige Nebenwirkung:

1832 war ein neuer Friedhof eingeweiht worden. Schon hatte man 12 Tote beerdigt, da brachte der schwebende Prozeß zum Bewußtsein: Der Friedhof kann und darf auf diesem Acker nicht bleiben, denn der gehört ja zum Pfaffengut, worauf das Faselvieh lastet. Also wurde auf dem benachbarten Acker ein neuer Friedhof angelegt. Aber der Ortsgeistliche, Pfarrer Schmidtborn, lehnte es ab, ihn einzuweihen.

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Die Strinzer Fahne
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