Mienchen und Rudolf

Nachfolgend erzähle ich Euch eine überlieferte Geschichte aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg:

 

Mienchen war unsere Nachbarin, die im Winter jeden Abend zu uns kam. Um 8 Uhr lief Roland, unser Hund, an die Tür - er hörte sie schon kommen, bevor wir es gehört hatten - und begrüßte seine Freundin mit freudigem Gebell. Mienchen suchte sich einen Stuhl in unserer Runde. Wir saßen alle in der Küche mit Handarbeiten beschäftigt und sie fing ebenfalls an zu stricken. Dabei stand ihr Mund nicht still, Mienchen hatte immer etwas zu erzählen, wußte alle Neuigkeiten aus dem Dorf, war dabei aber niemals unangenehm. Man mußte nur aufpassen, dass man nicht zuviel Privates preisgabe, denn Mienchen war auch zu anderen Leuten sehr mitteilsam. Nun, wir wußten sie zu nehmen, und wenn sie einmal nicht kam, fehlte uns etwas.

 

Heute war Mienchen schweigsamer als sonst. Sie sagte, dass sie sich Sorgen mache um ihren Mann Rudolf, der jetzt nach einer ganzen Woche immer noch brumme, das heißt, er schmollte. Er kam nicht zu den Mahlzeiten, ließ sich den ganzen Tag nicht sehen, arbeitete nichts, man hörte ihn nur im Schlafzimmer rumoren.

Mienchen mußte dann alle Arbeit alleine machen. Nachts stand Rudolf dann auf doch seine Frau war so müde von der harten Arbeit, daß sie das nicht einmal merkte. Dabei wußte Mienchen meißtens nie, warum er brummte.

Wir hielten uns aus der Sache heraus, hatten auch schon unsere Erfahrungen mit Rudolf gemacht. Wir wußten, wie schlimmdas Leben für sie war mit diesem Mann, dem sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Die Frauen hatten damals keine Möglichkeit zur Trennung, ohne eigenes Geld und Einkommen. Besonders in der Landwirtschaft war man aufeinander angewiesen und konnte froh sein, wenn das Zusammenleben gut war. Damit, daß sie sich bei uns aussprechen konnte , habe wir ihr sicher geholfen.

 

An besagtem Abend ging sie früher als sonst nach Hause, ihre Unruhe war deutlich zu spüren. Wir gingen auch zu Bett.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir geschlafen hatten, als wir verhaltenes Rufen hörten. Mutter wurde als erste wach und ging ans Fenster. Sie stieß einen entsetzten Schrei aus. Sie glaubte, ein Gespenst zu sehen. Vor unserem Haus stand Mienchen, das lange graue Haar hing ihr wirr um den Kopf, ihr helles Nachthemd hing unter dem grauen Kittel hervor, den sie sich in der Eile übergezogen hatte. Dann war auch Vater am Fenster und bekam ebenfalls einen gewaltigen Schreck:

"Komm bitte schnell mal rüber, Rudolf ist nicht im Bett er ist in der Küche und schärft Messer, der Hund heult, ich glaube, er tut sich etwas an. Die Küche ist von innen verschlossen, ich traue mich nicht, den Sohn zu wecken, ich habe solche Angst. Helft mir bitte".

So sprudelte es aus ihr heraus, sie schlotterte am ganzen Körper. Was blieb Vater anderes übrig, als sich anzuziehen und mitzugehen. Er nahm eine lange Bohnenstange und klopfte damit an das Fenster im ersten Stock ihres Hauses, um den Sohn zu wecken, der dann auch herunter kam. Gemeinsam brachen sie die Küchentür auf und mußten alle drei laut lachen.

Am Küchentisch saß Rudolf mit Hund Nobby und schlug sich mit Brot und Schinken den Magen voll. Alle Ängste, die Mienchen ausgestanden hatte, waren umsonst gewesen. Rudolf hatte nur Hunger bekommen, hatte das lange Brummen und Fasten nicht mehr ausgehalten. Für den dicken Schinken, den er angeschnitten hatte, mußte er das Messer schärfen. Mit vollen Magen schien er auch friedlich zu sein, und Vater kam nach Hause zurück.

Mutter konnte einige Nächte lang nicht schlafen, so sehr saß ihr der Schreck in den Knochen. Rudolf stellte für ein paar Tage das Brummen ein, aber das dauerte nicht lange. Für Mienchen war die Sache doch etwas peinlich gewesen, aber was tut man nicht alles, wenn man Angst hat.

 

Rudolf ist eines natürlichen Todes gestorben und Mienchen hat sich danach noch einmal richtig erholt und mit Sohn und Schwiegertochter noch ein paar ruhige Tage verbracht.

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