"In der alten Strinzer Chronik stieß ich auf folgenden Eintrag aus dem Jahre 1907:

 

Am 08. Dezember findet eine Versammlung der Gemeindevorstände von Breithardt und StM im Pfarrhause, wegen weiterer Maßnahmen in Sachen der zu erstrebenden Eisenbahn, statt.

 

Eine Eisenbahn durch Strinz-Margarethä??? Kaum vorzustellen. Aber es bestand tatsächlich einmal der Plan, eine Eisenbahn von Idstein über StM nach dem damaligen Langenschwalbach zu bauen.

Hier berichte ich Euch, über den heute kaum noch vorstellbaren Plan."

Die Strinzer Eisenbahn

Foto: Wikipedia/Bernd Untiedt
Foto: Wikipedia/Bernd Untiedt

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zum Neubau vieler Eisenbahnstrecken im Taunus. Dazu gehörten:

  • die Main-Weser-Bahn Frankfurt - Gießen (1852)
  • die Strecke Frankfurt - Limburg (1877)
  • die Aartalbahn (1894) und
  • die Linie Homburg - Usingen (1895)

Die meisten dieser Bahnen überquerten den Taunus von Nord nach Süd. Schon bald nach Fertigstellung kam der Plan auf, diese Strecken mit einer längs durch den Taunus verlaufenden Bahn zu verbinden. Mit der "Taunuslängsbahn" auch fälschlicher Weise Taunusquerbahn genannt.

 

Im Jahre 1899 wurde im "Idsteiner Anzeiger" von ersten Vermessungsarbeiten an der Strecke Butzbach-Idstein berichtet.

1900 - erster Plan mit Anbindung von StM

Aus dem Jahre 1900 stammt ein Karte, aus der die damals vorhandenen Eisenbahnlinien hervorgehen. Diese Karte wurde handschriftlich um eine Eisenbahnlinie ergänzt, die einen Streckenverlauf von Langenschwalbach bis Strinz-Margarethä zeigt. Bei StM endet der Streckenverlauf, es ist aber davon auszugehen, dass dieser weiter bis Idstein führen sollte. Bei StM verzweigt die Bahnlinie und führt über Breithardt nach Laufenselden und weiter. Es ist wahrscheinlich, dass es sich hierbei um einen ersten Entwurf aus der Planungsphase der Taunuslängsbahn handelt.

Kartenausschnitt von 1900 mit Eisenbahnlinie von Langenschwalbach nach StM
Kartenausschnitt von 1900 mit Eisenbahnlinie von Langenschwalbach nach StM

Parole: "Seid einig, einig, einig!"

Offizielle Planungen für eine Strecke von Idstein bis Lorch am Rhein wurden im Jahre 1902 aufgenommen.

Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Orte aktiv und diverse Initiativen wollten eine eigene Bahnlinie durchsetzen, die am eigenen Ort vorbeiführt. Kaum ein Stammtisch, an dem nicht über mögliche Varianten diskutiert wurde. So bildete sich auch eine Initiative, die eine Strecke von Idstein über Ehrenbach, Ober- und Niederlibbach, Strinz-Margarethä nach Breithardt und von dort über Adolfseck nach Langenschwalbach favorisierte. Es wurde viel geplant und getagt. So auch am besagten 08. Dezember 1907 im Pfarrhaus von StM.

 

Hart wurde auch darüber gestritten, ob die Linie über Bad Camberg, Idstein oder Niedernhausen führen sollte, was natürlich den Verlauf durch unsere Region stark beeinflusst hätte.

 

Eine erste Verdichtung der Vorschläge gab es in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg.

 

Aus der Strinzer Chronik:

Anfang 1911 gibt es wieder Bemühungen wegen der zukünftigen Eisenbahn. Entsprechende Eingaben werden an den zuständigen Minister und Abgeordneten Bartling abgesandt auf die im Mai günstige Nachrichten eingehen. Am 18.05. hat der Kommunallandtag das sogenannte Taunusquerbahnprojekt einstimmig angenommen, jedoch noch ohne Angaben einer Linienführung. Daraufhin findet am 29.10. eine von Wehen aus betriebene Eisenbahnversammlung in Langenschwalbach statt, welche den Ausbau von Langenschwalbach über Wehen nach Niedernhausen wünscht, während die Strinzer den Ausbau von Langenschwalbach, Adolfseck, Breithardt, StM, Nieder- und Oberlibbach und Ehrenbach nach Idstein unterstützen.


Am 24. November versammelten sich 60 Vertrauensleute von 38 Gemeinden, die für die Linie über Idstein plädierten. Eine ergänzende Versammlung gab es am 16. Dezember 1911, in StM. Hier war man sich einig, dass der Weg über StM der einzig richtige sei. Darum gelte die Parole: 

 

"Seid einig, einig einig!"

 

Am 07.07. 1912 findet in StM wieder eine Versammlung statt, in der über den aktuellen Status des Taunusquerbahnprojektes gesprochen wird.
(Strinzer Chronik, Teil 2, Seite 12, Kirchenchronik)

Von der Strinzer Bevölkerung favorisierter Bahnverlauf
Von der Strinzer Bevölkerung favorisierter Bahnverlauf

Die Konkurrenz schläft nicht

Verfechter der Linie über Niedernhausen - Wehen - Hahn nach Langenschwalbach organisierten eine Gegenveranstaltung in der Gaststätte "Trompeter" in Niedernhausen.
Auch in Bad Camberg gründete sich eine Initiative, die die Strecke Bad Camberg - Nastätten - St. Goarshausen bevorzugte.

In der Folge kam es zu erbitterten Wort- und Schriftwechsel zwischen den einzelnen Initiativen.

Das letzte Wort aber hatte die Königliche Eisenbahndirektion Frankfurt, die sich nach sorgfältiger Prüfung der Konzepte für eine Strecke über Niedernhausen entschied.

 

Der beginnende Erste Weltkrieg führte aber dazu, dass das ganze Projekt auf Eis gelegt wurde.

Neue Initiativen nach dem 1. weltkrieg

Auch wenn es eigentlich nach dem 1. Weltkrieg dringendere Probleme gab, wurde der Kampf um die Taunuslängsbahn wieder aufgenommen. In den ersten Jahren ging es im Streit hauptsächlich um die Streckenführung im Hochtaunus, östlich von Idstein.

 

Als begeisterter Verfechter für die Idstein-Linie erwies sich der Breithardter Pfarrer Rohr, der den Landrat mit Eingaben und Vorschlägen bedrängte, um ihn zu Aktivitäten zugunsten der Linie Idstein-Breithardt-Langenschwalbach zu bewegen. Aufgrund der Tatsache, dass andere, dringendere Investitionen in der Region anstanden, lies Landrat Dr. Werner Pollack den Breithardter Pfarrer immer wieder abblitzen.

Im Jahre 1928 gewinnen die Befürworter der Idstein-Linie wieder an Boden als diese in einer mit 300 Personen einstimmig verabschiedeten Resolution die Reichsbahn aufforderten,  die früheren Pläne für eine Strecke Bad Nauheim - Idstein - Bad Schwalbach wieder aufzunehmen, was aber von der Reichsbahn abgelehnt wurde.

Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise gab es immer wieder Initiativen für die ein oder andere Variante. Die Weltwirtschaftskrise letztendlich führte dazu, dass die Taunuslängsbahn nicht mehr finanzierbar war und in Vergessenheit geriet.

Das Längsbahn-lied

Die Querelen über eine mögliche Streckenführung führten dazu, dass in den 20er Jahren, wahrscheinlich von Franz Vietor aus Idstein, ein Lied darüber geschrieben wurde, in dem auch StM vorkommt. Es wurde vermutlich auf die Melodie "Wien bleibt Wien" gesungen:

 

Hier nun der Text dazu:

Was heute - die Leute

von nah und fern bringt her,

des weiß mer - des heißt mer

en richtige Verkehr;

drum schaffe - nit gaffe,

und fass kräftig an,

dass balde - erhalte

mir die neu Eisebahn!

Ui, was is e Eisebahn doch so viel wert!

Ui, drum is se iwwerall ach so begeht,

ui, wann se doch werklich amal laafe deht,

die Züg dann fahrn von morgens früh

bis abends spät!

Ach wer des ne Freude

für die hies´gen Leute,

mit der neue Eisebahn

würd man - gleich alsdann

fahren froh und munter,

nur hinauf, hinunter,

bis man an des Rheines Strand

oder auf dem Feldberg land´t.

 

Die Orte - die Worte

von den Stationen all,

es saust eim - es braust eim

im Kopp en ganze Schwall;

die alle - behalle

des fällt eim wirklich schwer,

wo komme - vernomme

nur all die Name her.

Ui, wohl über 40 Orte geht die Bahn,

Riedelbach und Finsterthal und Seitzenhahn,

Reichebach und Breithardt und noch viele sinds,

wie Esch und Rod und Hambach, Libbach, Orlen, Strinz.

Über all die Orte,

fährt se, hast du Worte,

rund erum, wie e Karusell,

wirklich ganz - or´ginell,

dass se kei verkrumpelt,

wird vorbei gehumpelt;

jedem vor die Haustür kimmt,

en Bahnhof, der en gleich mitnimmt.

 

Der Dalles - und alles

verschwinde tut im Nu,

es macht dann - der Kaufmann

sein Lade nit mehr zu.

Die Bauern - die lauern

un kaafe alles ein,

die Litze - die Spitze,

vom Merze Fritz de Wein.

Ziegenmeyer und Gebrüder Schmidt und Strauß,

Simon Goldschmidt, der verkauft gleich alles aus,

Münster, Bäckerfritz und auch das Café Ruß,

ein jeder bald en Neubau sicher haben muss.

Für die Geschäftsleut hiesig,

wird der Verkehr ganz riesig.

Drunne von der Loreley

geht´s vorbei - nach der Reih,

schnell und ohne Pause

tut durch´s Land mer sause,

bis nach hinner die Buchfinkei

mit dem D-Zug, eins, zwei, drei.

Melodie zum Lied

Quellen:

Buch: Von der Dampflook zum ICE-Zeitalter, Herausgeber: Dieter Frey, 2008 LINK

RTK-Heimatjahrbuch 1994, Seite 149 - 152, Klaus Kopp

Strinzer Chronik

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Die Strinzer Fahne
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Sebastian Vettel fährt durch StM (ab 16:05)

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