Das Behelfsheim-Notunterkunft für Evakuierte

Als in den Jahren 1943/44 die Kriegsfolgen auch unsere Region heimsuchten, und in unvorstellbarem Ausmaß die größeren Städte bombardiert wurden, kam es zu einer enormen Flucht der Menschen aus den Städten auf das Land, in die kleinen Dörfer, die kein Angriffsziel darstellten. Die Zahl der Obdachlosen war allerdings so groß, dass die Unterbringung von der örtlichen Verwaltung nicht organisiert werden konnte, sie wäre damit überfordert gewesen. Da bereits alle Lebensbereiche des Volkes bewirtschaftet und reglementiert waren, war auch diese  Sache in der Zuständigkeit des Kreiswohnungsamtes geregelt. Alle Wohnhäuser,  meist Bauernhäuser, die von Großfamilien -Großeltern, Eltern und deren Kindern- bewohnt waren, wurden vom Wohnungsamt begutachtet. In der Regel wurde  für die Unterbringung der Ausgebombten ein größeres Zimmer beschlagnahmt und Familien mit fünf und auch in Einzelfällen mehr Personen eingewiesen. Die Eigentümer mussten sich nun, so gut es ging, mit „Fremden“ in der Wohnung arrangieren, alles mit ihnen teilen und meist auch mit Lebensmitteln versorgen. Alles teilen bedeutete: Wasser, Strom,  Heizmaterial für Herd und Ofen sowie das „Plumpsklo“ und vieles mehr. Die Versorgung mit Lebensmitteln war für Alle mit der „Lebensmittelkarte“ geregelt. Selbst für die Bauern, sogenannte Selbstversorger,  war die Lebensmittelkarte von Bedeutung, denn sie mussten ihre Erzeugnisse „abliefern“,  die über den geregelten Eigenbedarf hinausgingen. Das  „Abliefern“ wurde streng kontrolliert, man hatte durch Viehzählungen und über den Anbau der Feldfrüchte genaue Zahlen, auf die die Kontrolleure aufbauen konnten. Mit der Versorgung von Evakuierten, die ihre Lebensmittelmarken entsprechend abgeben mussten, konnte das Ablieferungssoll gemindert werden. Es konnte jedoch oft nicht Alles, was jemand nach der Lebensmittelkarte zustand, geliefert werden, weil es einfach nicht vorhanden war.

Das Behelfsheim Schulstraße Ecke Pfalzstraße
Das Behelfsheim Schulstraße Ecke Pfalzstraße

Dieser ungeheure Notstand führte 1943/44 dazu, dass in vielen kleinen Dörfern „Behelfsheime“ durch die Gemeinde errichtet wurden - kleine Notwohnungen mit einer Grundfläche von rd. 21 qm (6,00x3,50 m), das entspricht einer Wohnfläche von ca. 18 qm.

Das kleine Häuschen hatte zumindest einen eigenen Strom- und Wasseranschluss, einen

Abwasseranschluss und einen Schornstein zum Anschluss eines Ofens und des sogenannten

„Einheitsherdchens“ -ein Miniaturherd einfachster Bauart- zum Befeuern mit Holz oder Kohlen. Bis auf das Fehlen  einer Toilette  waren die Bewohner einigermaßen autark.

Das „Einheitsherdchen“ – es würde den heutigen Brandschutznormen nicht standhalten- gehörte auch zur Ausstattung der in den Bauernhäusern einquartierten Familien. 

 

Das abgebildete Behelfsheim stand am Lindenborn, Ecke Schulstraße-Pfalzstraße von 1943 bis etwa 1960. Es wurde bewohnt von einer evakuierten fünfköpfigen Familie aus Wiesbaden bis 1953, danach von einem heimatvertriebenen älteren Ehepaar bis 1959. Ein weiteres Behelfsheim stand am Welchbach., etwa in gleiche Weise bewohnt, zuerst mit evakuierten- und danach mit heimatvertriebenen Familien.

Die Bewirtschaftung des Wohnraums hatte in der Nachkriegszeit noch sehr lange Bestand.

Erst durch die wirtschaftliche Entwicklung nach der Währungsreform vom 20.6.1948 mit dem in den fünfziger Jahren beginnenden Bauboom und der Wohnungsbauförderung durch öffentliche Finanzierung und Förderung hat sich die Wohnungsnot entspannt. Mit dem neuen Baugebiet, der heutigen Schulstraße, wurden Mitte der fünfziger Jahre neue Häuser gebaut, Heimat-
vertriebene wurden hier sesshaft.

 

Ein Beitrag von Helmut Hartwig

Das Neubaugebiet in der Schulstraße
Das Neubaugebiet in der Schulstraße

 

 

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