Erinnerungen

Über das Internet ist die Enkelin des ehemaligen Strinzer Lehrers Rektor Richard Weißer, der u. a. das Strinzer Lied gedichtet hatte, auf diese Homepage aufmerksam geworden.
Auch Sie verbrachte einen Teil des 2. Weltkrieges in Strinz-Margarethä. Über diese Homepage wurden bei Ihr Erinnerungen an diese Zeit geweckt, die Sie gerne mit allen Strinzern teilen möchte.

 

Hier ihre Erinnerungen an die Zeit in Strinz:

Marei (mit Zöpfen) mit ihren Geschwistern im Strinzer Feld
Marei (mit Zöpfen) mit ihren Geschwistern im Strinzer Feld

Ich bin die älteste der überlebenden Enkel und Enkelinnen von Rektor Richard Weißer, die noch Kindheitserinnerungen an die Zeit von 1943 bis 1946 in Strinz hat. Und an viele der auf dieser Homepage berichteten Ereignisse kann ich mich gut erinnern. Freilich aus der Sicht einer Fünf-bis Sechsjährigen.

 

 

 

 

 

Wie wir nach Strinz kamen

Nachdem Richard Weisser 1943 in Frankfurt ausgebombt war, bewarb er sich auf eine freie Lehrerstelle auf dem Land und suchte sich unter mehreren Orten Strinz-Margarethä aus wegen des interessanten Namens – wie er uns später erzählte.

 

Er drängte seine drei Töchter in Frankfurt dazu, ihm zu folgen und die durch Bombenangriffe gefährdete Großstadt zu verlassen. Meine Tanten Maria Fauser mit ihrem Sohn Michael und dem 1944 in Bad Schwalbach geborenen Jörg Fauser und die unverheiratete Irmgard Weisser wohnten mit meinen Großeltern im Schulhaus. Meine Mutter Gertrud Richter, die älteste der drei Töchter, fand mit ihren 4 Kindern dort keinen Platz mehr. Sie mieteten sich im November 1943 im letzten Haus der Straße nach Libbach bei der Familie Fay ein. In meiner Erinnerung war das ein kleiner Anbau, in dem wir in zwei Zimmern hausten.

 

Einschulung 1944

Ich wurde 1944 in Strinz eingeschult bei einem Hilfslehrer, dessen Namen ich vergessen habe. Leider war mein Opa Richard Weißer zu dieser Zeit wieder Soldat. Unsinnigerweise war er zur Verteidigung der Rheinbrücken vor den anrückenden Amerikanern noch einmal als fast Fünfzigjähriger eingezogen worden, konnte aber dank des Attestes eines Arztes nach einigen Monaten wieder nach Strinz zurückkehren. Er soll dann sofort seine Uniform ausgezogen haben und wütend und erleichtert auf ihr herum getrampelt sein.

 

Das Strinzer Lied

Die Hymne auf Strinz-Margarethä ,die mein Opa geschrieben hatte, kann ich heute noch singen.

 

Was vor dem Einmarsch der Amerikaner geschah

In den Tagen vor dem 28. März , dem Tag als die ersten Amerikaner als Sieger ins Dorf einmarschierten, bekamen wir Kinder aufregende Ereignisse mit, ohne sie zu verstehen. Erst waren es tagsüber viele Militärautos voller Soldaten, die durchs Dorf fuhren auf der Flucht vor den Siegern. Meine Mutter hatte uns verboten, auf die Straße zu gehen. Wir entwischten so oft wie es ging, weil wir ja spürten, dass da Ungeheuerliches passierte, bei dem wir dabei sein wollten. Es lag eine wahnsinnige Spannung in der Luft. Die Aufregung der Erwachsenen, ihr Getuschel, ihre Andeutungen und ihr in meinen Augen hysterisches Gejammer versprachen für uns Kinder Abwechslung und Abenteuer.

Am Abend, wenn wir offiziell schon schliefen, tauchten im Dunkeln geheimnisvolle Gestalten auf, junge Männer, die mit meiner Mutter in der Küche flüsterten und etwas zu Essen und Kleider zugesteckt bekamen. Sie schmissen (wie ich erst später kapierte) ihre Uniformen weg, weil sie sich von den anrückenden Alliierten nicht gefangen nehmen lassen wollten. Sie hatten mehr Angst vor der Rache der Sieger als vor der Todesstrafe für Deserteure. Niemand durfte Wissen, dass sie in die Wälder desertierten. Meine Mutter und meine Tanten verbrannten heimlich die Uniformen.

Am 27. März, dem Tag als meine jüngste Schwester Sabine und mein Vetter Jörg getauft wurden, ließen die deutschen Soldaten auf der Flucht einen Munitionswagen mitten im Dorf, direkt neben dem Großen Bauernhof zurück.

 

Die Amerikaner kommen

Schon am nächsten Morgen kamen die amerikanischen Sieger auf Panzern, in Jeeps und Lastwagen.

Ich kann mich auch noch gut an das durch den explodierten Munitionswagen ausgelöste Feuer erinnern, bei dem der große Hof in der Mitte des Ortes niederbrannte. Uns Kindern wurde zwar verboten, in die Nähe des Feuers zu gehen, aber meinem 3 Jahre älteren Cousin Michael und mir gelang es, uns dort zu treffen und fasziniert in die Flammen zu schauen. Hand in Hand standen wir fasziniert vor diesem Schauspiel, halb begeistert, halb ängstlich. Das Bild dieses brennenden Hofes ist bis heute in meiner Erinnerung lebendig.

 

Tagebucheinträge meiner Tante

Im Tagebuch meiner Tante Maria Fauser steht: "Am nächsten Tag, um halb sieben, ich war gerade am Waschen, knatterten MG Schüsse im Dorf. Wir stürzten in den Keller, und schon schrie eine Stimme - ein verwundeter Soldat. Die ganze Nacht waren deutsche Truppe zu Fuß, auf Leiterwagen, auf alle nur möglichen Arten durch das Dorf gezogen, eine traurige, geschlagene Armee.

Und nun der andere Morgen! Nach den MG-Schüssen und dem fürchterlichen Stöhnen des Verwundeten, der direkt auf der Straße vor unserem Haus liegen musste, folgte noch eine Detonation auf die andere. Wir konnte uns nicht recht erklären, woher es kam. Ich wäre gerne einmal vors Haus gegangen, um nach den Soldaten zu sehen, aber ich musste ja das Kind halten.

Auf einmal läutete die Kirchenglocke, da ging ich hinaus: mitten im Dorf brannte es lichterloh, Frau Pfarrer läutete, kein Mann war da, um die Spritze zu holen. Nach einer Weile ging ich auf die Straße, da kam singend der erste Amerikaner, dahinter standen die Panzer, den ganzen Weg nach Breithardt hinauf.

 

Die nächsten Tage

Danach zogen in endlosen Panzerkarawanen die amerikanischen Sieger tagelang durch das Dorf. Obwohl es verboten war, standen wir am Straßenrand und ließen uns mit amerikanischer Hershey-Schokolade und mit Kaugummi beschenken.

 

Siehe auch unter Die letzten Tage

 

Unterstützung für die Dorfbewohner

Später war ein amerikanischer Offizier bei uns in der kleinen Wohnung einquartiert und ich erinnere mich, dass meine Mutter sehr ängstlich in seiner Gegenwart war und immer eines der Kinder bei sich hatte. Zum Glück konnte sie etwas Englisch, genauso wie meine Tante Maria Fauser, so dass die beiden Schwestern häufig zum Dolmetschen zu Hilfe gerufen wurden, wenn den Bauern z.B. ein wertvoller Gegenstand von den Besatzern weggenommen wurde.

 

Siehe auch unter Nachkriegszeit

Ein weiteres Bild von Marei mit Ihren Geschwistern Peter, Gudula und Sabine
Ein weiteres Bild von Marei mit Ihren Geschwistern Peter, Gudula und Sabine

Wiedersehen nach  71 Jahren

Am Rande des Brunnen- und Brücken-Einweihungsfest in Strinz-Margarethä gab es ein Wiedersehen, welches man in dieser Form wohl kaum noch erleben wird.

An diesem Tag trafen sich Frau Marei Hartlaub und Irma Kugelstadt, geb. Hartwig nach 71 Jahren wieder. Irma Kugelstadt war seinerzeit das Kindermädchen von Frau Hartlaub.

Im Vorfeld des Festes trafen sich die beiden Damen, um sich bei Kaffee und Kuchen rege über das Erlebte auszutauschen.

Eine Rundfahrt durch das Dorf verdeutlichte, dass sich dieser in den letzten 70 Jahren doch sehr stark verändert hat. Einige markante Orte, wie zum Beispiel die alte Schule, in der auch Frau Hartlaub zum Unterricht ging, weckten jedoch wieder Erinnerungen.

Das Treffen fand seinen Abschluß bei einem Besuch des Brunnen- und Brücken-Einweihungsfestes.

 Bevor es für Frau Hartlaub wieder nach Frankfurt ging, wurde vereinbart, dass nun der Kontakt weiter aufrecht erhalten werden soll und auch einem erneutem Wiedersehen nichts im Wege stehen sollte.

Nachfolgendes Bild zeigt die Damen beim Brunnen- und Brücken-Einweihungsfest.

                                                                       Marei Hartlaub / Irma Kugelstadt

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Die Strinzer Fahne
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