Als Kriegsgefangener in Strinz

Labonne als Soldat
Labonne als Soldat

600.000 französische Soldaten gerieten im 2. Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft. Die meisten von ihnen kamen in die Landwirtschaft, wo die Bauern fehlten, die ihrerseits im Kriegseinsatz waren. So auch Raoul Labonne, der spätere Bürgermeister unserer Partnergemeinde Aube in der Normandie.

In Strinz-Margarethä befand sich seinerzeit eine Außenstelle des Kriegsgefangen-Stammlager 12 A Limburg. In diesem Stammlager war Raoul Labonne, bevor er nach Strinz kam, interniert.

 

 

In Strinz befanden sich viele Kriegsgefangene, die u.a. im Tanzsaal eines Gasthofes untergebracht waren. Hierzu gehörten nicht nur Franzosen, sonder z.B. auch polnische und russische Kriegsgefangene. Auch in Strinz mußten die Gefangenen in der Landwirtschaft arbeiten.

Die Gefangenen wurden unterschiedlich behandelt, je nachdem, bei wem sie untergebracht waren. Die einen liefen in zerlumpten Kleidungsstücken herum, andere wiederum bekamen ihre Kleidung von den Bürgern bei denen sie untergebracht waren, wieder geflickt. Innerhalb des Hauses bestand strickte Trennung. So aßen die Bewohner an dem einen, die Kriegsgefangenen an einem anderen Tisch. Von ortsansässigen Leuten wurde diese Trennung streng kontrolliert. Diese kamen oft unverhofft in die Höfe und sahen nach, ob die strikte Trennung auch eingehalten wurde. Wenn nicht, dann mußte man mit einem Verweis rechnen.

Das Schicksal der einzelnen Gefangenen lag auch immer in den Händen der Familien, für die sie arbeiten mußten. Das Leben auf dem Hof konnte zur Hölle werden, wenn sich Parteigenossen als Herrenmenschen aufführten. War die deutsche Familien ihren Gefangenen wohl gesonnen, wurde der Aufenthalt erträglich, man wartete gemeinsam auf das Ende des Krieges.





Eine im Strinzer Feld mit dem Metalldetektor  gefundene Erkennungsmarke eines französischen Kriegsgefangenen.

Interview mit Raoule Labonne

Labonne beim Interview
Labonne beim Interview

Im Jahre 1980 gab es im ZDF eine Sendung mit dem Titel: "Unser Franzos". Hier gab der Strinzer Kriegsgefangene und spätere Bürgermeister von Aube/Normandie ein Interview zu seiner Gefangenenzeit in StM.

 

 

 

 

 

 

Nachfolgend das komplette Interview:

"Herr Labonne, erzählen Sie uns von Ihrer Ankunft in StM"

Bei der Ankunft in Strinz-Margarethä sind wir zuerst dem Bürgermeister vorgestellt worden und da mein Kamerad gut deutsch sprach, hat er ihn gleich bei sich behalten. Zu mir hat er dann gesagt: Du Raoul, Du gehst zu Petri`s. Daraufhin hat man mich zu den Petri`s gebracht. Da war es ungefähr elf Uhr in der Nacht, es schneite. Ich hatte Hunger und Durst. Ich kam in einen große Stube, die Stubb, da saß ein alter Mann mit einem langen Bart und seiner großen Pfeife. Er schaute mich sehr genau an. Er stellte lauter Fragen, aber ich verstand kein Wort Deutsch. Er sagte: Nix schlimm, nix schlimm Raoul. Ich hatte natürlich nichts verstanden. Da kam seine Gattin Nina. Sie brachte einen großen Teller mit Kartoffeln und zwei Schalen mit Dickmilch und ein großes Stück Schinken. Das war wie eine große Hochzeit für mich, denn ich hatte ja praktisch seit einem Jahr nichts mehr richtiges gegessen.

Kiegsgefangenwächter
Kiegsgefangenwächter

Also gleich nach dem Essen habe ich mich dann auf der Kommandantur gemeldet, dort hatte man mir ein Bett gegeben. Das war eine Art Strohmatratze mit einer kurzen Decke. Die war viel zu kurz für mich, weil ich so groß bin. Ich mußte sie diagonal legen. Es war furchtbar kalt, ich lag direkt unter einem Wellblechdach. Es waren ungefähr minus elf Grad.

Morgens gegen fünf Uhr bin ich aufgestanden; bin zum Hof gegangen. Herr Petri sagte mit: Raoul, gugge mol, gugge mol. Das heißt, ich habe das gar nicht richtig verstanden. Also, wie man z.B. die Kühe putzt. Unangenehm war es die Kühe zu striegeln; es stank, deshalb habe ich ein Taschentuch herausgezogen und mir vor die Nase gehalten. Ich stand da mit meinem Striegel und striegelte die Kühe und war das überhaupt nicht gewohnt und das morgens um 5:30 Uhr. Ich stand mitten in den Exkrementen.

Dann kam die Bäuerin die Kühe melken. Es waren vier Kühe. Danach gingen wir frühstücken. Es hieß "Ham, Ham". Ich habe dann Milch und Brot und etwas Butter bekommen. Es war außer mir noch ein russischer Kriegsgefangener da.

Wir haben dann das Pferd eingespannt und sind aufs Feld gefahren; auf den Hügel hinauf, die Futterrüben holen, die dort in einem Silo lagen. Das waren meine ersten Erfahrungen als Bauer.

Im Prinzip hatten Sie sich wohlgefühlt in Strinz. Ist Ihnen aber nie der Gedanke gekommen abzuhauen, zurück nach Frankreich?

Nein. Am Anfang mit meinem Kameraden, der so gut deutsch sprach, da hatten wir schon von Flucht gesprochen. Aber da es schon eine ganze Menge gab die ausgerissen waren und nicht weit gekommen sind und dann wieder in ein anderes Lager kamen, wo es viel schlimmer zugegangen ist, haben wir den Gedanken verworfen. Wir haben uns gesagt, das ist eine Zeit, die man überstehen muß. Mein Gott, es war kein Luxus aber wir wurden ernährt und nicht schlecht behandelt. Es war halt Kriegsgefangenschaft. So haben wir halt beschlossen zu bleiben. Als dann die Wachleute an die russische Front abgezogen wurden durften wir uns frei bewegen und das letzte Jahr habe ich dann auf dem Hof geschlafen. Dort hatte ich dann mein eigenes Zimmer und ein Bett.

Erzählen Sie uns doch etwas über das Radio

" Ein Volksempfänger"
" Ein Volksempfänger"

In dem kleinen Zimmer in dem ich wohnte gab es ein kleines Radio. Es war nicht besonders gut; es funktioniert nicht besonders gut. Aber abends ließ ich es laufen und stieß dabei auf das Schweizer Radio. So hatte ich sämtliche Informationen über die Bewegungen der deutschen Truppen. Ich hatte eine große Europakarte und Informationen über die Truppenbewegungen. Jeden Abend kamen die Nachbarn, man traf sich bei mir. Sie kamen mich besuchen und fragten: Raoul, wo befindet sich jenes oder jenes Regiment? Wenn die Nachrichten zu Ende waren habe ich das Radio abgeschaltet.

Und eines Tages ging es dann schon darum, wann die Landung sein würde. Also stellen Sie sich vor, wir waren auf dem Feld und ich wußte, die Landung stand kurz bevor. An einem Nachmittag habe ich es dann nicht mehr ausgehalten. Ich habe der Bäuerin gesagt, ich habe ein Werkzeug vergessen und bin dann zurück auf den Hof in mein Zimmer und habe dort gleich das Radio angemacht.

Unglücklicherweise war da der Nachbar, Herr E., Chef des Volkssturmes. Er hatte gehört, dass ich nach Hause gekommen war. Er kam also und klopfte an die Tür. Ich habe sofort das Radio ausgemacht und bin ins Bett gesprungen. Als er reinkam fragte er: Was machst Du da? Da sagte ich: Ich habe so schreckliche Zahnschmerzen, ich habe ja so schreckliche Zahnschmerzen. Ja, das war´s dann. Ich hatte gehört, dass die Landung stattgefunden hatte.

Rückkehr nach 22 Jahren

Raoul Labonn bei seiner Rückkehr
Raoul Labonn bei seiner Rückkehr

Es dauerte dann noch fast ein Jahr, bis die Amerikaner Strinz erreichten. Am 28. März 1945 war es dann soweit. Raoul Labonne nahm die Verhandlungen mit den einrückenden Amerikanern auf. Kurz darauf verließ er Strinz-Margarethä mit den Worten: Ich komme wieder!

Dieses Versprechen hielt er ein, auch wenn es dafür 22 Jahre brauchte. Als Bürgermeister der Gemeinde Aube in der Normandie wurde er Mitbegründer der "Deutsch/Französischen Freundschaft" beider Gemeinden.

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Die Strinzer Fahne
Die Strinzer Fahne

Sebastian Vettel fährt durch StM (ab 16:05)

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