Kleiner Grenzverkehr

Grenzbereich bei Zollhaus (roter Punkt)
Grenzbereich bei Zollhaus (roter Punkt)

Im März 1948 war es noch besonders  schwierig  eine längere Reise anzutreten, vor allem dann, wenn das Reiseziel (35 km) in einer anderen Besatzungszone lag. Anlass der Reise war die Konfirmation meiner Cousine Lieselotte in Welterod, zu der mein Vater als Petter (Onkel) und meine Mutter als Goth (Tante) und ich eingeladen waren. Eingeladen waren auch Petter Paul und die Linagoth aus Panrod.

 

Zunächst verständigte man sich darüber wie man das in dieser Zeit überhaupt bewerkstelligen könnte, denn Strinz Margarethä und Panrod lagen in der amerikanischen Zone und Welterod war in der französischen Zone. Welche Verkehrsmittel hatte man zur Verfügung, wenn man nicht laufen wollte.

Doch bevor man daran denken konnte, musste man sich erst einmal einen“Interzonenpass“ besorgen, der von der Militärverwaltung ausgestellt wurde. Er erlaubte den Grenzübertritt und den Aufenthalt in der französischen Zone vom 18.3. – 18.4.1948.

Mit dem Adler auf "großer Reise"
Mit dem Adler auf "großer Reise"

Wir hatten das Glück, dass wir mit einem Pkw (Adler) fahren konnten, denn alles war bewirtschaftet und wer privat mit einem der wenigen Autos fahren wollte, musste sich dazu auch eine Genehmigung und das Benzin besorgen. Das hat dankenswerterweise der Fahrer für uns erledigt.

 

Somit ging die Fahrt am Freitagnachmittag  über Laufenselden, Zorn, die Grenzstation und  Strüht nach Welterod in der französischen Zone und wir sind heil bei unseren Verwandten angekommen.

Als Rückfahrtermin wurde Montag nach dem Mittagessen vereinbart. Inzwischen waren auch die Gäste aus Panrod eingetroffen. Sie waren mit der Schmalspurbahn von Zollhaus bis nach Nastätten gefahren und hatten den Rest des Weges zu Fuß gemacht, sie waren auch mit ihrem Passierschein  in die französische Zone eingereist.

               Ehemalige Streckenführung der                                Ein Zug der "Nassauischen Kleinbahn"

                    "Nassauischen Kleinbahn"

Alle Konfirmationsgäste, die von außerhalb kamen waren von Freitag bis Montag bei Nachbarn untergebracht (kostenlos). Die Gastfreundschaft war groß,  die gegenseitige Hilfe war damals eine Selbstverständlichkeit und auch bitter nötig, da die Menschen viel an die französischen Besatzer abgeben mussten, so wie zuvor es auch die deutschen Besatzer in Frankreich gemacht hatten.  Für eine Feier hat man alles zusammen „geschrottelt“  und getauscht. Alles was nötig war wurde mit Bezugsscheinen zugeteilt und war sehr knapp bemessen.  Nur mit „schwarz Schlachten“ und mit „Schwarzhandel“  kam man einigermaßen über die Runden und konnte auch nur so mit den Verwandten aus der anderen Zone über drei Tage die Versorgung sichern. Mit Wein, Spirituosen und anderen „Genussmitteln“ wie Tabak, Zigaretten, Zigarren und Bohnenkaffee war es nicht gut bestellt. Wer diese Sachen hatte, der hatte sich beim „Schrotteln“ nicht erwischen lassen. Trotzdem haben es die Konfirmationsgäste drei Tage miteinander ausgehalten und das auch noch bei guter Laune und vielem was man sich zu erzählen hatte über die schlechten Zeiten und den Hindernissen, die den gegenseitigen Besuchen entgegenstanden.

 

Bei der Rückreise der Gäste aus der amerikanischen Zone kam es zu einer nicht vorgesehenen Änderung wegen des Regenwetters, das am Montagvormittag eingesetzt hatte. Die Gäste aus Panrod mussten an die Station der Kleinbahn nach Nastätten gehen, bei diesem Wetter. Aber unser guter Fahrer hatte ein Einsehen mit der Linagoth und hat ihr angeboten in dem kleinen „Adler“ noch mitfahren zu können,  was sie natürlich auch gerne angenommen hat. Nun machte sich der Petter Paul alleine auf den Weg zur Station der Kleinbahn, um von Nastätten bis Zollhaus wieder mitfahren zu können.

Die Fahrt ging auch gut bis zur Grenzstation wo er von den Grenzern aufgefordert wurde seinen Passierschein vorzulegen. Aber wo war er denn? Natürlich in der Handtasche  seiner Frau, die zu dieser Zeit schon daheim war. Aber da war auch der Personalausweis. Er war also "ein Niemand“, was dazu führte, dass er verhaftet und an der Grenzstation in der Baracke eingesperrt wurde.

 

Normalerweise wäre er am späten Abend zu Hause angekommen, doch die Goth und ihre zwei Buben warteten vergebens, der Paul kam nicht, auch nicht am nächsten Tag. Mal schnell telefonieren war damals nicht möglich, bestenfalls hatte die örtliche Poststelle einen Telefonapparat und evtl. der Bürgermeister. Aber wen hätte man auch anrufen wollen. Voller Sorgen verging auch der dritte Tag, ohne dass man wusste wo der Paul geblieben war. Erst am vierten Tag haben ihn die Grenzposten nach Laufenselden zum Bürgermeisteramt gebracht,  um seine Identität zu klären, denn es war üblich das so Einer erst einmal „brummen“ musste. Natürlich hat man den Paul aus Panrod in Laufenselden gekannt und man hat sich für ihn verbürgt. Alsdann hat man ihn „laufen gelassen“.  Nun musste er sich erst einmal satt essen und trinken, denn die Kost beim „Brummen“ war sehr mager gewesen.

 

Der Bürgermeister hat dann nach Panrod telefoniert und angekündigt, dass der Paul bald heimkommt.

 

Nachfolgende Ablichtungen zeigen das original Grenzübertrittspapier zur obigen Geschichte.

 

Ein Beitrag von Helmut Hartwig

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